Erfahrungsbericht
Nach dem Abitur wollte Leander eine Auszeit nehmen und herausfinden, wie es ist, längere Zeit in einem anderen Land zu leben. Der Entschluss fiel schnell: Work & Travel in Kanada – und zwar komplett selbst organisiert, ohne Unterstützung einer Agentur.
Leanders selbstorganisiertes Work & Travel in Kanada
Nach dem Abitur wollte ich nicht direkt ins Studium starten, sondern mir zunächst eine Auszeit nehmen, um neue Erfahrungen zu sammeln. Mir ging es darum, wirklich auf eigenen Beinen zu stehen, Verantwortung zu übernehmen und herauszufinden, wie es ist, längere Zeit in einem anderen Land zu leben. Gleichzeitig reizte mich die Vorstellung, eine andere Kultur kennenzulernen, mich mit Menschen aus aller Welt zu vernetzen und mich persönlich weiterzuentwickeln.
Der Entschluss fiel schnell: Ich wollte ein Work & Travel in Kanada machen – und zwar komplett selbst organisiert, ohne Unterstützung einer Agentur. Kanada war für mich das perfekte Ziel. Das Land verbindet beeindruckende Natur mit multikulturellen Städten und einer offenen, freundlichen Gesellschaft. Außerdem sprechen die meisten Menschen Englisch, in manchen Regionen auch Französisch, was den Einstieg erleichtert, wenn man sprachlich schon etwas sicher ist. Mir war klar, dass die Organisation ohne Agentur mehr Aufwand bedeuten würde. Aber gerade diese Freiheit – selbst zu entscheiden, wo und wann ich arbeite, wie lange ich an einem Ort bleibe und welche Route ich wähle – war mir wichtig.
Etwa sechs Monate vor der Abreise begann ich mit den Vorbereitungen. Wichtigster Schritt war das Visum. Kanada vergibt Work & Travel-Visa über ein Losverfahren, weshalb es entscheidend ist, sich früh zu informieren, alle Dokumente rechtzeitig vorzubereiten und die Fristen genau im Blick zu behalten. Ich habe diese Fristen einmal aus den Augen verloren und dadurch meine erste Einladung verpasst, was mich einige Wochen zurückgeworfen hat. Das kann ich wirklich niemandem empfehlen. Nach der erneuten Zusage musste ich zur kanadischen Botschaft in Berlin, um biometrische Daten abzugeben – ein weiterer Schritt, der zwar etwas aufwendig ist, aber eine gute Übung für die Selbstorganisation, die man auch später im Alltag vor Ort benötigt. Es ist gut, sich vorher ein grobes Budget zu setzen und dies durchzurechnen. Hier müssen Kosten fürs Visa, die An- und Abreise, Krankenversicherung und normale Lebenshaltungskosten vor Ort berücksichtigt werden. Auch wenn man vor Ort arbeitet, ist es definitiv sinnvoll, mit einem Puffer zu starten. So habe ich vor meinem Work and Travel bereits etwas gearbeitet, um vor Ort gelassen starten zu können. Wie viel du dann vor Ort arbeiten möchtest und wie viel du reisen möchtest, hängt dann von dir persönlich ab.
Beim Gepäck habe ich mich für einen großen Reiserucksack entschieden. Ich hatte zwar schon einen mittelgroßen Rucksack, den ich zuvor bei Interrail genutzt hatte, merkte aber schnell, dass ich für Kanada deutlich mehr Platz brauchte. Das Klima dort ist sehr wechselhaft – im Winter kann es bitterkalt werden, im Sommer dagegen warm – und man benötigt Kleidung für alle Wetterlagen. Lieber einen Rucksack mit etwas mehr Platz haben, den man bei Bedarf zusammenrollen kann, hier gibt es einige Rucksäcke, die so etwas gut ermöglichen (z.B. ein 55 + 10 Liter Rucksack). Zu viel mitzunehmen ist jedoch auch nicht ideal. Ich habe nach einigen Monaten meine Wintersachen per Post nach Deutschland geschickt, um Platz für sommerliche Kleidung zu schaffen. Wer hier eine langsame Versandzeit auswählt, kann selbst auf langen Strecken und großen Paketen Geld sparen.
Meine Reise begann in einer vorgebuchten Unterkunft, in der ich die erste Woche verbrachte. Diese Zeit nutzte ich, um mich zu orientieren und die wichtigsten organisatorischen Aufgaben zu erledigen: Ich beantragte eine kanadische Sozialversicherungsnummer, eröffnete ein Bankkonto und besorgte mir eine lokale SIM-Karte. Besonders bei der letzten Entscheidung lohnt es sich, vorher die Tarife zu vergleichen, da die Mobilfunkkosten in Kanada vergleichsweise hoch sind. Einen englischen Lebenslauf hatte ich bereits in Deutschland erstellt und an kanadische Standards angepasst, sodass ich direkt mit der Jobsuche beginnen konnte. Innerhalb von nicht mal zwei Wochen fand ich sowohl eine WG als auch meinen ersten Job. Rückblickend war es eine gute Entscheidung, zu Beginn nicht direkt Vollzeit zu arbeiten, sondern mir Zeit zu lassen, um mich einzuleben.
Mein Work and Travel in Kanada verlief in wechselnden Phasen. Mal arbeitete ich länger am Stück, mal reiste ich durch das Land, und zwischendurch gab es Zeiten der Jobsuche. Während der Arbeitstage hatte ich einen recht geregelten Alltag, während der Reisen lebte ich oft aus dem Rucksack, schlief in Hostels oder im Camper. Die Jobsuche verlief meistens so, dass ich zunächst in einem Hostel unterkam, mich dann nach einer WG umsah und parallel Bewerbungen verschickte oder persönlich bei Arbeitgebern vorbeischaute.
Auf Grund meiner fortschreitenden Sehbehinderung konnte ich nicht alle „klassischen“ Work & Travel Jobs machen. Da ich zum Beispiel keinen Führerschein machen kann oder zu rummelige Restaurants o.ä. für mich schwerer sind, kamen entsprechende Jobs nicht in Frage. Trotzdem hat es sehr gut funktioniert, Kanada ist da meiner Erfahrung nach modern und aufgeschlossen. Ich war als Darsteller für einen kleinen Kurzfilm tätig, hab im Bereich “Direct Sales” im Vertrieb für einen Malerbetrieb gearbeitet, später auch für einen weiteren Betrieb die Buchhaltung gemacht. Außerdem hab ich für eine Windschutzscheiben-Reparaturfirma gearbeitet - als Techniker/Handwerker die Leitung eines Standorts übernommen und von Reparaturen, Abrechnung und Buchhaltung bis hin zum Abo-Vertrieb alles übernommen. Für eine Supermarktkette hab ich verschiedene Tätigkeiten im Einzelhandel gemacht und auch Farmarbeit auf einem Bauernhof. Viele andere Work & Traveler haben auch in der Gastronomie gearbeitet, in Hotels oder als Fahrer, zum Beispiel Wohnmobile. Kanadische Arbeitgeber sind oft sehr flexibel, sodass man relativ schnell Jobs findet.
Das Leben in den WGs war unkompliziert, da die Zeit des Zusammenwohnens oft auf wenige Monate begrenzt war. Mit allen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern verstand ich mich gut, und zu einigen habe ich bis heute Kontakt. Diese lokalen Kontakte waren Gold wert, weil sie oft hilfreiche Tipps geben konnten – sei es zu Jobs, Freizeitaktivitäten oder günstigen Einkaufsmöglichkeiten. Es gibt unzählige Erinnerungen, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind.
Besonders prägend war ein Roadtrip durch die Rocky Mountains mit atemberaubenden Landschaften von türkisfarbenen Gletscherseen bis zu schneebedeckten Gipfeln. Auch eine mehrtägige Zugreise von der Ostküste bis an die Westküste Kanadas zählt zu meinen Highlights, ebenso wie ein besonders lustiges Team-Event bei meiner Arbeit. Doch am meisten haben mich die Begegnungen mit Menschen bereichert – in Hostels, WGs, Bussen, auf der Arbeit oder unterwegs. Diese spontanen Kontakte waren oft der Schlüssel zu neuen Erlebnissen, seien es Ausflüge, Jobangebote oder einfach inspirierende Gespräche. Es war zudem immer sehr interessant, andere Herangehensweisen und Strategien zur Problemlösung kennenzulernen. So ist der Arbeitsmarkt in Kanada beispielsweise deutlich von dem in Deutschland verschieden und ich empfand die Problemlösung in Kanada häufig schneller und einfacher, um einen der vielen Unterschiede zu nennen.
Natürlich lief nicht immer alles reibungslos. Manchmal dauerte es länger, bis ich einen Job fand, oder es traten kleinere organisatorische Probleme auf. In solchen Momenten half es, gelassen zu bleiben, offen auf Menschen zuzugehen und mein Netzwerk zu nutzen. Heimweh spürte ich nur selten und meist in ruhigeren Phasen, doch es verflog schnell, wenn ich neue Freunde fand oder etwas Neues erlebte. Besonders beeindruckt hat mich Kanadas offene und inklusive Gesellschaft. Themen wie Diversität und Gleichberechtigung haben dort einen hohen Stellenwert, was ich als sehr bereichernd empfand.
Die Rückkehr nach Deutschland verlief für mich relativ problemlos, da ich nur kurz nach meiner Heimkehr mit Freunden verreist bin und dann mein Studium begann. Dennoch ist es eine Umstellung, wieder in den gewohnten Alltag einzutauchen, nachdem man monatelang ständig Neues entdeckt hat. Ich empfehle, sich für die Zeit nach der Rückkehr direkt neue Projekte oder Aufgaben zu suchen, um nicht in ein Loch zu fallen. Rückblickend war mein Work and Travel in Kanada eine der lehrreichsten Erfahrungen meines Lebens. Ich habe nicht nur meine Sprachkenntnisse verbessert und eine andere Kultur kennengelernt, sondern auch praktische Fähigkeiten erworben, die mich bis heute begleiten: von der Steuererklärung über die Jobsuche bis hin zur Organisation längerer Reisen. Wer bereit ist, offen auf Menschen zuzugehen, flexibel zu bleiben und Herausforderungen anzunehmen, wird aus einem solchen Aufenthalt unvergessliche Erlebnisse, neue Skills und Kontakte mitnehmen – und mit einer neuen Perspektive auf das Leben zurückkehren.